Gewerkschaftsgeschichte Teil 2

Motor des Fortschritts

Der eine ging von Bord, der andere wurde gegangen. In den Jahrzehnten zwischen Bismarck und der Abdankung Kaiser Wilhelms entwickelten sich die Gewerkschaften allen Widrigkeiten zum Trotz zum Motor sozialen Fortschritts.

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Tendenzen Gewerkschaftsgeschichte April 2015 Frauen bekamen oft nur die Hälfte des Lohns ihrer männlichen Kollegen.
01.04.2015
  • Von: Rudi Heim

Die industrielle Revolution verteilte die Vorteile des technischen Wandels ungerecht. Während das deutsche Kaiserreich zur führenden Industrienation heranwächst, gehört ein Drittel der Bevölkerung – gut 20 Millionen – zum Industrieproletariat. Männer, Frauen und rund eine Million Kinder müssen hart und zwölf Stunden täglich arbeiten. Die spärlichen Sozialleistungen, wie die Bismarck’sche Rentenversicherung, sollen der Arbeiterbewegung den Wind aus den Segeln nehmen. Doch das gelingt nicht in einer Zeit, in der die dürftige Rente erst mit 70 fällig wird.

Fabrikarbeiterverband und Alter Verband hatten sich 1890 erstmals reichsweit getroffen. Während der Alte Verband auf eine Tradition im Bergbau zurückblicken konnte, stieß der Fabrikarbeiterverband in eine Lücke. Er wandte sich an Hilfsarbeiter, denn die Gewerkschaften waren bislang Facharbeiter- und Handwerker- Organisationen. Aber in den aufstrebenden Branchen wie der Chemieindustrie arbeiteten 80 Prozent ohne Berufsausbildung. Für sie machte sich der Fabrikarbeiterverband stark.

Eine andere Gruppe, um die sich so recht niemand kümmerte, bildeten die rund 5,5 Millionen berufstätigen Frauen. Sie leisteten neben ihrer Familie Schwerstarbeit, hatten keine Arbeitszeitbegrenzung und bekamen nur 50 bis 65 Prozent des Lohnes ihrer männlichen Kollegen. Auch hier ging der Fabrikarbeiterverband als erste deutsche Gewerkschaft in die Offensive. Auf dem Verbandstag 1892 ergänzte er bewusst seinen Namen und nannte sich fortan "Verband der Fabrik-, Land- und gewerblichen Hilfsarbeiter und -arbeiterinnen Deutschlands".

Noch immer gibt es genügend Anlässe, sich wehren zu müssen: Am 16. Januar 1905 begann der bislang größte Streik in der Bergarbeiterbewegung: 200 000 von 268 000 Bergleuten beteiligten sich. Das Ruhrrevier stand still. Die Organisationskraft beider Gewerkschaften wuchs. Sie professionalisierten sich, richteten Büros ein, boten über Arbeitersekretäre Rechtsschutz, zahlten seit 1890 Streikunterstützung und halfen in Not geratenen Mitgliedern. Arbeitslosenunterstützung gab es nicht. Das Kaiserreich setzte sein Geld lieber für die Aufrüstung ein. Der Ausgangspunkt für internationale Spannungen. Die entluden sich mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914. 

"Wir wollen keinen Krieg"

Kurz zuvor hatte der sozialdemokratische Vorwärts gewarnt: "Der Weltkrieg droht! Die herrschenden Klassen, die euch im Frieden knebeln, verachten, ausnutzen, wollen euch als Kanonenfutter missbrauchen. Überall muss den Gewalthabern in den Ohren klingen: Wir wollen keinen Krieg!". Die Reichsleitung vermittelte den Eindruck, ein russischer Überfall auf das Kaiserreich stünde unmittelbar bevor. Die Arbeiterbewegung sah im despotischen zaristischen System einen ihrer Hauptfeinde und fühlte ihre schwer erkämpften Errungenschaften bedroht.

Ein damals mitentscheidender Grund, warum neben den bürgerlichen Parteien auch Sozialdemokratie und Gewerkschaften einen "Burgfrieden" mit dem wilhelminischen System schlossen. Für sie bedeutete das den Verzicht auf Arbeitskämpfe im Krieg. Das Kaiserreich zeigte seinen "Dank", indem Regierung und Militär zum ersten Mal offiziell mit Gewerkschaftern sprachen und die Unterdrückung lockerten. Weitere Anerkennung erreichten sie 1916 durch das Hilfsdienstgesetz. Erstmals wurden Gewerkschaften in einem Gesetz erwähnt. Die Unternehmer mussten sich "auf Augenhöhe" mit ihnen an einen Tisch setzen und in Betrieben mit mehr als 50 Beschäftigten Arbeiterausschüsse einrichten, die Vorläufer der Betriebsräte.

Der Krieg brachte millionenfachen Tod und gleichzeitig Verelendung an der "Heimatfront". Die Ideen der russischen Oktoberrevolution schwappten über die Landesgrenzen, schufen Hoffnungen bei den einen und sorgten für Befürchtungen bei den anderen. Die Unternehmen bekommen Angst vor einer Revolution. Im Herbst 1918 erkennen sie die Gewerkschaften an, sind bereit, Tarifverträge verbindlich zu erklären. Alles das, gegen das sich gerade Bergbau und chemische Industrie bislang wehrten.

Gewerkschaften erlebten einen Aufschwung

Akzeptiert wurden jetzt die Arbeiterausschüsse in den Betrieben, der Acht-Stunden-Arbeitstag. Die Gewerkschaften erlebten zum Kriegsende einen grandiosen Aufschwung: Der Alte Verband hat nun 437 000 Mitglieder, der Fabrikarbeiterverband 644 910 – darunter 175 496 Frauen – und ist damit viertgrößte deutsche Gewerkschaft. Die Arbeiterbewegung ist zu einer tragenden Säule des Staates geworden. Der Rückblick zeigt, so beschreibt es ein Historiker, "dass sich ohne ihr hartnäckiges Wirken kein Wohlfahrtsstaat oder Sozialstaat moderner Prägung entwickelt hätte". Dann muss der Kaiser 1918 abdanken. Novemberrevolution!

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