Chemie-Tarifrunde 2015 Baden-Württemberg

Südwest-Tarifverhandlung ohne Ergebnis / Arbeitgeber ignorieren "Demografiefalle"

Die 1. Verhandlungsrunde für die rund 74.000 Beschäftigten in der baden-württembergischen Chemieindustrie endete ergebnislos. "Umsätze, Gewinne und Produktivität sind stabil, steigen an. Eurokurs und Rohstoffpreise sinken gewaltig. Unsere Forderung nach 4,8 Prozent mehr Geld ist da nur gerecht, machbar und realistisch", sagt Catharina Clay, Verhandlungsführerin und Landesbezirksleiterin der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). "Pro Kopf haben die baden-württembergischen Arbeitnehmer 2014 länger gearbeitet als 2013. Ein Spiegelbild dafür, dass die Auftragsbücher gut gefüllt sind".

Klaus Hecke/IG BCE

Die Tarifkommission der IG BCE (hier im Verhandlungsraum) fordert 4,8 Prozent mehr Entgelt für rund 74.000 Beschäftigte.

Die Arbeitgeber zeigten sich nicht verhandlungsbereit. Auch nicht bei der Forderung der Gewerkschaft, für Ältere flexiblere Ausstiegsmöglichkeiten aus dem Berufsleben zu schaffen - zum Beispiel in Form einer Vier- und Drei-Tage-Woche. "Dabei müssen wir dringend Chancen für den Fachkräftenachwuchs schaffen und den Generationenwechsel mitsamt Wissenstransfer organisieren, beispielsweise in Form von Generationen-Tandems", so Clay weiter.

Den Vorwurf, die Gewerkschaft wolle "flächendeckende Frühverrentungsmodelle" einführen, wies sie scharf zurück: "Nirgends steht in unserem Vorschlag, dass die Kollegen vor Erreichen des Rentenalters aufhören sollen oder müssen. Aber bis 67 durchzuhalten, dazu braucht es Arbeitsbedingungen, die die Gesundheit erhalten und die die Leistungsfähigkeit und die Leistungsbereitschaft fördern. Wer jedoch Leistungsverdichtung, rollierende Schichtarbeit rund um die Uhr und volle Flexibilität bis zum 67. Lebensjahr verlangt, der provoziert Krankheit, Schwerbehinderung oder gar Erwerbsunfähigkeit. Und das in einer Zeit, in der immer weniger junge Menschen nachkommen."


Die Forderungen der IG BCE in der Chemie-Tarifrunde 2015:

  • Erhöhung der Entgelte um 4,8 Prozent
  • Erhöhung der Ausbildungsvergütungen um 60 Euro
  • Laufzeit des neuen Tarifvertrages: 12 Monate
  • Weiterentwicklung des Tarifvertrages Demografie und Lebensarbeitszeit mit dem Schwerpunkt gute und gesunde Arbeit sowie lebensphasenorientierte Arbeitszeit


Stimmen einiger Mitglieder der IG-BCE-Tarifkommission:

Kim Anja Jutzi (24), Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenvertretung Roche Diagnostics, Mannheim: "Der demografische Wandel ist längst nicht nur ein Thema für die "Generation 50plus", diese Herausforderung betrifft ebenso die Jugend! Deshalb ist es auch uns Jüngeren wichtig, hier weitere tarifvertragliche Lösungen zu finden. Wir fordern Generation-Tandems, Regelungen zur unbefristeten Übernahme und einen Erhalt des hohen Ausbildungsniveaus. Das sind nur wenige Möglichkeiten, dem Fachkräfte-mangel - der auf unsere Arbeitgeber zurast - entgegen zu wirken."

Robert Ansorge (49), Stellvertretender Betriebsratsvorsitzender Mineraloelraffinerie Oberrhein (Miro), Karlsruhe: "Die demografische Entwicklung führt dazu, dass uns bis zum Jahr 2020 ein Fünftel unserer Belegschaft, das sind 170 Beschäftigte, verlässt. Das sind weit mehr, als wir durch Auszubildende ersetzen können. Zudem versuchen die meisten Kollegen, so früh wie möglich in die Rente zu gelangen. Die damit verbundenen finanziellen Einbußen können sich allerdings viele nicht leisten. Aus diesem Grund brauchen wir intelligente Lösungen, um unseren Kollegen den flexiblen Ausstieg zu ermöglichen."


Die IG BCE Baden-Württemberg hat den laufenden Entgelttarifvertrag für die chemische Industrie Baden-Württemberg zum 31.03.2015 gekündigt. Die Tarifkommission des Landesbezirks hat nun die Bundestarifkommission der IG BCE damit beauftragt, in den bundesweiten Tarifverhandlungen eine Einigung zu erzielen. Termin der 1. Bundestarifverhandlung ist der 24.02.2015.

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