IG-BCE-Frauentag

Der Wert der Zeit

Achtung, Spoileralarm: Natürlich bietet der Frauentag auch Themen für Männer, und dieser Beitrag womöglich mehr als andere. Weil es unter anderem um lebensphasenorientierte Arbeitszeit geht. Ein langes Wort, dass für Befreiung steht. Zum Beispiel von einer noch immer spürbaren Pflicht auf Vollzeit in bestimmten betriebsebenen. Als Themenschwerpunkt am Freitag war dieses Thema goldrichtig.

Nicole Strasser

IG-BCE-Frauentag 2016
27.05.2016
  • Von: Marcel Schwarzenberger

Es gibt in vielen Betrieben und in fest gefügten Teams einen Berufsethos: Stundenreduktion, aus welchen Gründen auch immer, wird nicht gern gesehen. Frauen in Schlüsselpositionen – oftmals nach der Überwindung etlicher Hürden in der Führungsebene angekommen – bekämen das besonders deutlich zu spüren, berichtete Dr. Christina Klenner von der Hans-Böckler-Stiftung.

Klima der Akzeptanz

Die Inanspruchnahme von Arbeitszeitoptionen, also Teilzeit, Elternzeit, Pflegezeit, Sabbatical oder andere, sei schwer durchzusetzen. Doch unabhängig von der Position eines Beschäftigten müsse die an Lebenssituationen orientierte Arbeitszeitgestaltung auf allen Ebenen möglich sein. "Es muss ein Klima der Akzeptanz geben. In den Betrieben müsste besser verstanden werden, dass es normal ist, unterschiedlich zu arbeiten", sagte Klenner.

Eine Realität ist diese: Nicht einmal jeder zehnte Mann arbeitet in Teilzeit, sobald der Nachwuchs da ist. Also blieben eher die Frauen zu Hause und reduzierten ihre Stunden, sagte Klenner. Mit den derzeitigen Rahmenbedingungen bedeutet das meist Teilzeitbeschäftigung über viele Jahre. Die Betroffenen haben oftmals keinen Job mehr, der allein ihre Existenz sichert; sie bekommen statistisch gesehen niedrigere Stundenlöhne als Vollzeitbeschäftigte – und sie haben Nachteile bei der Rente.

Einen Weg, wie sich solche – meist finanzielle – Nachteile ausgleichen lassen, hat die IG BCE vor Jahren aufgetan. Mit den Demografie-Fonds, die es in der Chemiebranche seit 2010 gibt, weitere Branchen sind gefolgt. Je Arbeitnehmer zahlt ein Betrieb gut 750 Euro in diesen Fonds ein. "Von 2010 bis 2015 kamen so 1,7 Milliarden Euro zusammen. Wir reden also nicht von Kleingeld", sagte IG-BCE-Tarifexperte Michael Winkler.

Wechsel zwischen Teil- und Vollzeit ermöglichen

Betriebsvereinbarungen legen fest, für welche Optionen ein Demografie-Fonds genutzt wird. Flexible Übergänge in die Rente können gefördert werden, Altersvorsorge, Altersteilzeit, Langzeitkonten – und die lebensphasenorientierte Arbeitszeitgestaltung. Für die Möglichkeit also, je nach Alter, Bedürfnissen und familiärer Situation etwas kürzer treten zu können. Die Tarifverhandlungen der IG BCE sind wegweisend dafür, längst nicht überall gibt es solche Modelle. "Die Mitbestimmung, wie also Betriebsräte mit diesen Themen umgehen, spielt eine große Rolle", gab Forscherin Klenner den Delegierten mit auf den Weg.

Die Tagesumfrage unter den Tagungsteilnehmenden befasste sich damit, welches Arbeitszeitmodell am wichtigsten ist. Ob Teilzeit im Schichtsystem funktionieren soll, ob selbstbestimmtes oder eher flexibles Arbeiten wichtiger ist. Mit Abstand auf dem ersten Platz landete die Forderung, leicht zwischen Teilzeit und Vollzeit wechseln zu können. Ein Ergebnis, das einen Ökonomen wie Prof. Andreas Wagener kaum überraschen dürfte.

Mit Humor und Wortwitz referierte er über den Wert der Zeit. Benjamin Franklins 1751 geprägter Spruch "Zeit ist Geld" gelte nicht mehr. Die Frage sei eher, wie man Zeit nutze. nicht um materialistischen Wohlstand gehe es dabei, sondern um Familie, Bildung, Freizeit. "Das sind viele Optionen. Aber das macht das Leben reicher."

Genau das muss sich aber noch in der Arbeitswelt widerspiegeln.

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